27.01.2011, Schaffhauser Nachrichten, Beilage
«Es ist viel zu früh für ein Endlager»
Die Zeit ist nicht reif, Atommüll endgültig unter der Erdoberfläche zu vergraben. Zu viele Fragen sind offen, eine echte Rückholbarkeit ist nicht gewährleistet, und zu viele Sicherheitsaspekte sind noch nicht geklärt.
von Jean-Jacques Fasnacht und Martina Munz
Vertreter der potenziellen Atommüll-Endlager-Standortregionen Bild Thomas Wüthrich |
Sicher ist einzig die Unsicherheit – und ein enormer Schaden für unsere Region Schaff- hausen und das Zürcher Weinland.
Die ganze aufgeklärte Menschheit hatte ein- mal an die Unsinkbarkeit der Titanic geglaubt. Ein einziger Eisberg hat diese Illusion zerstört. Und was ist, wenn unsere Illusion vom sicheren Atommülllager zerstört wird?
Unsere Wissenschaftsgläubigkeit ist gefähr- lich. Vor allem für die kommenden Genera- tionen. Denn austretende radioaktive Strahlung ist in kleinsten Mengen tödlich, kann das Erbgut von Mensch, Tier und Pflanzen nachhaltig schädigen und bringt in Form von Krankheiten, insbesondere Krebs, viel Leid über die Mensch- heit. Spielen wir nicht den Zauberlehrling: nicht am Süd- randen, nicht in Benken und an keinem anderen Ort in der Schweiz.
Für die Region Schaffhausen ist ein Endlager mit hoch radioaktivem Atom müll in Benken gleichermassen bedrohlich wie ein Endlager von schwach und mittelradioaktivem Atommüll am Südranden.
Risiken ohne Ende – es gibt weltweit noch kein Endlager
Weltweit ist kein Endlager für hoch radioaktive Abfälle in Betrieb. Die Sondermülldeponie Kölliken zeigt, dass bereits der Umgang mit weniger lang lebigen giftigen Abfällen zum Desaster führen kann.
In Asse im deutschen Bundesland Niedersachsen wurden im ehemaligen Salzbergwerk radioaktive Abfälle einge lagert. Der Salzstock galt als sicheres Wirtsgestein. Die Bevölkerung vertraute den Wissenschaftlern. Seit Jahren fliesst nun Salzlauge in die Atommüll deponie, und das marode Atommüll lager muss saniert werden. Noch weiss man nicht wie. Gerechnet wird mit Sanierungskosten von mindestens 3,2 Milliarden Euro. Diese Kosten trägt der Steuerzahler und nicht die Atomwirtschaft. Und zutiefst beunruhigend ist die Tatsache, dass gemäss den verlässlichen Zahlen des Krebsregisters Niedersachsen die Leukämiefälle und SchilddrüsenkrebsErkrankungen um Asse signifikant erhöht sind. Eine Beobachtung, die auch um das ehemalige DDR Atommülllager in Morsleben gemacht wurde.
Die Rückholbarkeit ist keineswegs gewährleistet
Das Gesetz schreibt die Rückholbarkeit nur für die Betriebsphase von Atommüll vor. Doch sogar dafür ist das Konzept der Nagra absolut ungenügend. Es sieht vor, den eingepackten Atommüll aus den Transportbehältern herauszunehmen und in lange, nicht begehbare Stollen einzufüllen. An schliessend werden gemäss Konzept die Lagerstätten mit Betonit verfüllt. Zur Überwachung dient einzig ein Versuchsstollen. Die vorgeschriebene Rückholung ist nur mit enormem Aufwand möglich. Die Gelder dafür sind indessen nicht zurückgestellt und müssten, wie das Beispiel Asse in Deutschland zeigt, kurzfristig über Steuern finanziert werden.
Nach der Betriebsphase – die bloss hundert Jahre dauern soll – soll der Eingang zum Atom- mülllager definitiv verschlossen werden. Es sind keinerlei Kontrollen oder Rückholungen mehr vorgesehen. Zudem würde austretende Strahlung so lange unbemerkt bleiben, bis sie an der Oberfläche offensichtlich Schaden anrichtet.
Opalinuston und viele ungeklärte Fragen
Finnland setzt auf kristallines Gestein. In Siblingen hat die Nagra kristallines Gestein als ungeeignet bezeichnet. Jetzt hat sie Opalinuston im Fokus. Diese Gesteinsschicht kommt im Schweizer Mittelland in einer Mächtigkeit von 100 Metern vor, in Süddeutschland kommt die gleiche Schicht ebenfalls vor. Die deutschen Wissenschaftler aber erachten sie als zu dünn und deshalb als ungeeignet für ein Atommülllager. Wem sollen wir vertrauen?
Opalinuston gilt als dicht. Die Nagra aber will das Atommülllager über eine kilometerlange und breite Rampe erschliessen. Damit wird die Schicht gestört, und ihre Eigenschaften werden sich dadurch verändern – Verletzungen und Schwachstellen entstehen, welche die Geologie verändern. Auch die Frage des Verpackungsmaterials ist nicht gelöst. Die Stahlfässer oxidieren, und es entstehen gefährliche Gase, welche die Geologie ebenfalls verändern. Ein weiteres Problem ist die Stabilisierung des unterirdischen Atommülllagers mit Beton. Beton reagiert mit Opalinuston und verändert dessen Eigenschaften ebenfalls.
Der Rheinfall ist vor rund 15'000 Jahren entstanden. Ein Atommülllager muss gegen eine Million Jahre sicher sein. Innerhalb dieses Zeitraums sind rund zehn Eiszeiten zu erwarten. Die Gletscher werden vermutlich durch die weichen Schottertäler wie den Klettgau und das Weinland (Benken) fliessen und dabei den Untergrund massiv stören. Wie aber soll ein Atommüll-Endlager bei Naturereignissen wie Erdbeben, Überflutungen oder kommenden Eiszeiten solchen Kräften standhalten?
Nutzungskonflikte sind vorprogrammiert
Bereits heute beginnen wir unseren Untergrund sinnvoll zu nutzen. So ist das Potenzial zur Gewinnung von Energie aus der Tiefe erwiesenermassen enorm, und es werden entsprechende Erdsondenbohrungen über 200 Meter in den Untergrund abgeteuft. Künftige Technologien werden noch weit tiefere Bohrungen ermöglichen. Diese nachhaltige Nutzung muss gerade in dicht besiedelten Regionen und Agglomerationen wie bei uns zu jeder Zeit garantiert sein. Atommülllager und womöglich radioaktiv verseuchter Untergrund gefährden diese dringend notwendigen Vorhaben für uns und unsere Nachkommen. Dramatische Nutzungskonflikte sind vorprogrammiert, zumal es auch keine Sicherheit und kein Konzept gibt, wie unsere Nachkommen über Generationen vor der radioaktiven Gefahr unter ihrem Lebensraum garantiert gewarnt bleiben. Atommüll gehört nie und nimmer in den Lebens und Arbeitsraum einer Bevölkerung!
Demokratische Rechte werden abgebaut
Die letzte Revision des Kernenergiegesetzes hat den Kantonen ihr Vetorecht bezüglich Kernenergieanlagen genommen. Das Volk kann sich bei der Standortfrage zur Lagerung von Atommüll nur noch via Referendum in einer gesamtschweizerischen Abstimmung äussern. Jede Region ist froh, wenn sie nicht den Schwarzen Peter zieht. Es ist zu erwarten, dass die Atomwirtschaft vor einer Abstimmung viel Geld und Lobbyarbeit einsetzen wird.
«Kein Atommülllager darf einer Region aufgezwungen werden.» Diese Botschaft stand in den «NagraNews» vom August 2010. Diese Aussage steht in diametralem Gegensatz zum geplanten Vorgehen.
Unser demokratisches System mit Laienbehörden wird mit einem grossen Zeitdruck überfahren und zum Abnicken gezwungen. Den Behörden bleibt nur das blinde Vertrauen in die Nagra.
Die Zeit drängt, denn die Atomlobby will neue AKW bauen
Die Nagra und das Bundesamt für Energie (BfE) bauen einen enormen Zeitdruck auf. Unsere Milizbehörden mussten in drei Monaten alle 16 Berichte zum Anhörungsprozess lesen, verstehen und dazu Stellung nehmen. Es fehlt sogar die Zeit, Fachleute ihres Vertrauens für eine Stellungnahme zu beauftragen. Gleichzeitig liefen bereits die Vorbereitungen des Partizipations verfahrens. Dieses täuscht Mitsprache vor und beschränkt sich auf Nebensächlichkeiten. Die Regionen haben zu wichtigen Entscheidungen nichts zu sagen. Die Mitsprache ist auf die Oberflächengestaltung des Atommülllagers reduziert und soll der besseren Akzeptanz dienen.
Die Nagra ist der Atomwirtschaft verpflichtet
Um eine sichere Lösung für den hoch gefährlichen Atommüll zu finden, braucht es unabhängige Forschung und genügend finanzielle Mittel. Bei des ist nicht gegeben. Die Nagra gehört sechs Genossenschaftern, fünf davon sind AKW-Betreiber. Diese Genossenschafter bilden den Verwaltungsrat. Die Nagra ist der Atomwirtschaft verpflichtet! Diese will den Atommüll möglichst schnell und kostengünstig loswerden. Die Nagra steht in einem eklatanten Interessenkonflikt und ist damit eben keine neutrale Organisation, der man blind vertrauen kann und darf.
Lösung für vorhandenen Atommüll?
Bezüglich Entsorgung von Atommüll besteht kein Zeitdruck, doch kann das ungelöste Atommüllproblem ganz wesentlich zur Ablehnung von neuen AKW durch das Volk beitragen. Die Atomlobby macht den Druck! Technik, Methodik und die Materialien für ein Atommüll-Endlager sind nicht ausgereift; zentrale Fragen zur Geologie bleiben unbeantwortet. Atomare Abfälle nach dem heutigen Stand der Technik endgültig zu entsorgen, ist verantwortungslos gegenüber nachfolgenden Generationen. Die Standortregionen würden zum atomaren Versuchslabor. Experimente, die uns und unseren Lebensraum zerstören könnten, gehören ganz sicher nicht in dicht besiedelte Regionen. Der radioaktive Atommüll muss vorerst in Zwischenlagern aufbewahrt werden: gesichert, kontrolliert und mit den nötigen finanziellen Rückstellungen. Für die bestmögliche Lösung muss noch viel in die Forschung investiert werden. Die Wissenschaft muss bessere Wege finden bezüglich Verarbeitung und im Umgang mit hochradioaktivem Atommüll. Es kann und darf nicht sein, dass unsere Gesellschaft unseren Nachkommen atomaren Müll hinterlässt, der über Millionen von Jahren tödlich strahlt. Mit Sicherheit gibt es künftig Technologien, um mit diesem Müll besser umzugehen. Vor aussetzung dazu sind der Druck der Gesellschaft und der Wille der Atomwirtschaft, sich nicht mit dem heutigen Stand der Technik zu begnügen.
Ausstieg aus der Atomwirtschaft
StandpunktDer Gemeindepräsident von Wil- chingen zum Endlager Südranden Hans-Rudolf Meier ist ein Mann vom Bau im wahrstem Sinne des Wortes und betreut in seiner Gemeinde auch das Hochbaurefe- rat. Er nimmt im Gespräch kein Blatt vor den Mund: «Ich bin gegen dieses Projekt, weil es gar nicht funktionieren kann. Zu viele Fragen sind offen und können nicht beantwortet werden: Wie dick ist die Opalinustonschicht? Wie soll eine geologische For- mation, die Millionen von Jahren alt ist, wieder verschlossen wer- den? Wir Bürgerinnen und Bür- ger werden mit dem bestehen- den Atomgesetz verschaukelt – es müsste geändert werden. Die Atomlobby muss mit den echten Kosten konfrontiert werden. Die- se umfassen eine fachgerechte und umweltverträgliche Entsor- gung, aber auch Versicherung eines Super-GAU. In der Strom- versorgung zeichnet sich eine Lücke ab, und wir müssen viel, sehr viel tun, damit wir sie mit al- ternativen Energieträgern de- cken können.» |
Solange die Schweiz nicht den Ausstieg aus der Atomenergie beschliesst, wird die Frage der Endlagerung radioaktiver Abfälle nicht zufriedenstellend beantwortet werden können. Es ist ein grosser Unterschied, ob Atommüll als Erblast einer zu Ende gehenden AKW-Epoche gelagert werden muss oder ob weiter wider besseres Wissen Atommüll in grossen Mengen in Kauf genommen wird. Jedes neue AKW wird das Entsorgungsproblem verschärfen, die Risiken erhöhen und die Atommüllmenge erhöhen. Die wichtigen Diskussionen um die Atommülllagerung und die Herkunft, Aufbereitung und Abhängigkeit vom Uran zeigen die Notwendigkeit zum baldigen Ausstieg aus der Produktion von Atomstrom mit aller Deutlichkeit auf.
Die Kantone verhalten sich sehr widersprüchlich: Sie wollen neue AKW, aber den Müll nicht. Das Atommüllproblem ist nicht lösbar, weder technischnoch politisch. Und das Sach- planverfahren funktioniert nicht.
Die Region Schaffhausen und das Weinland wehren sich
Die Studie zur Abschätzung der sozioökonomischen Effekte eines Atommülllagers im Weinland auf den Kanton Schaff- hausen spricht eine deutliche Sprache. Unsere Region würde in ihrer sozialen und wirtschaftlichen Entwicklung massiv geschädigt. Daran ist kein Zweifel. Warum würden sonst Abgeltungszahlungen angeboten? Warum werden damit die Regionen geködert?
Für einen kleinen Kanton wie den Kanton Schaffhausen wiegt dieser Nachteil proportional viel stärker als für einen grossen Kanton. Der Imageschaden führt zu einem Zerfall der Immobilienpreise. Die erwünschten Entwicklungen in der Region Schaffhausen als Wohn und Wirtschaftsregion werden durch ein AtommüllEndlager verunmöglicht. Laut der kantonalen Wirtschaftsförderung zeichnet sich der Imageschaden bereits heute im Vorfeld der Standortsuche ab. Atommüll und Naturreservate vertragen sich kaum. Ein Endlager in unmittelbarer Nähe unseres grossen BLN-Gebiets Randen und Wangental ist ein Widerspruch in sich selbst. Der Rheinfall als erstklassiges touristisches Objektwürde entwertet.
Den angekündigten Entschädigungszahlungen dürfen wir nicht verfallen! Die Schaffhauser Bevölkerung, die hier lebt, Kinder grosszieht und arbeitet, hat andere, echte und nach haltige Visionen. Die Technologie ist noch nicht reif, Atommüll risikoarm zu vergraben. Wenn wir uns in unseren Regionen gegen ein Atommülllager wehren, dann wehren wir uns gleich zeitig gegen alle möglichen Atommüll Lagerstandorte.
Martina Munz ist Schaffhauser Kantonsrätin, Co-Präsidentin der Interessengemeinschaft Lebensraum Klettgau (IGLK) und Vorstandsmitglied von KLAR Schaffhausen.
Jean-Jacques Fasnacht ist Co-Präsident KLAR Schweiz (Kein Leben mit atomaren Risiken) und Vor- standsmitglied PSR/IPPNW (Internationale Ärzteorganisation für soziale Verantwortung und zur Verhütung von Atomkrieg).
